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Das Manifest der Stadtgärtnerei


Wir sind eine lose Vereinigung ehrenamtlich aktiv werdender Gärtnerinnen, Landschaftsplanerinnen und Gestalterinnen. Unterstützung erhalten wir von Studie-
renden und Lehrenden sowie den Medien und allen freiwilligen Helfern, die sich solidarisieren wollen.

Ausgangslage

Es ist erfreulich, wie viele Bürgerinnen sich öffentlich entrüsten, wenn ein Theater oder eine Oper geschlossen oder verschlankt werden soll – doch wer regt sich angesichts der sichtbaren Verwahrlosung der öffentlichen Gärten, die nicht durch Stiftungen oder Eintrittsgelder subventioniert werden? Erhebliche Teile des
gärtnerischen Kulturguts von Berlin, weite Teile öffentlicher Gärten, Parks und Schmuckflächen führen ein vergleichbar mauerblümchenhaftes Dasein. Kaum einem scheint die mangelnde Pflege der Gartenanlagen aufzufallen – vielerorts muss man leider schon von Verwahrlosung sprechen. Die Anlagen, zu deren Betreten ein Entgelt erhoben wird, sind von diesem Vor-
wurf ausdrücklich auszuschließen. Dort stellt sich das hier vorgestellte Problem nicht. Es geht ausschließlich um öffentliche Freiräume, jederzeit frei und ohne Entgelt betretbare Gärten und Parks der Stadt. Die Verwahrlosung dieser öffentlichen Grünanlagen wurzelt
einerseits in einem erheblichem Maße in gärtnerisch inkompetenter Arbeit, also fachlichen Mängeln.
Andererseits ist diese Vernachlässigung in großem Umfang ebenso dem Mangel an bereitgestellten Mitteln und den damit möglichen Pflegeeinsätzen geschuldet. Diese Mittelverknappung ist zusätzlich wesentliche Ursache für das oben bemängelte
Schwinden gärtnerischer Kompetenz in der Pflege. Gute Fachkräfte und die nötige Zeit für fachlich korrektes Gärtnern finden sich dort, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Eine ausgewogene Finanzierung ist eine notwendige Basis zur Ausbildung eines stabilen Rahmens. Nur hier können sich die ebenso
erforderlichen ideellen Bedingungen entfalten. Seitens der Institutionen und der Politik wird die auf Vernachlässigungen oft mit Neuanlagen reagiert. Erhebliche Summen werden turnusgemäß und entsprechend aktueller Haushaltslagen in Wiederherstellungen
und Erneuerungen investiert. Dabei war es schon zu Knobelsdorffs und zu Lennés Zeiten keine neue Erkenntnis, dass gärtnerische Anlagen der kontinuierlichen Pflege und Weiterentwicklung bedürfen, um in
Würde zu altern und zu reifen. Pflege und Weiterentwicklung werden mit dem Verweis auf Mittelknappheit der öffentlichen Kassen jedoch vernachlässigt oder finden meist gar nicht statt. Es muss in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden, dass der öffentliche Freiraum eine wichtige Funktion der öffent-
lichen Sozialfürsorge übernimmt. Er trägt damit eine sozialemanzipatorische Funktion. Gärtnerische Freianlagen stehen allen sozialen Schichten offen. Auch die sozial benachteiligten Mitbürger finden hier zu jeder Zeit frei und ohne ein Entgelt den vielleicht letzten Raum zur Selbstentfaltung. Oft müssen die Anlagen
kompensatorisch als deren Wohnstatt zur Verfügung stehen. Aus dem öffentlichen Grün wächst den dafür Verantwortlichen also vielfältige Verantwortung zu. Das soziale Grün ist eine kulturelle Errungenschaft emanzipatorischer Bewegungen der letzten gut
dreihundert Jahre. Dies gilt insbesondere für die Erhebung der Grünflächenämter zu unabhängigen Institutionen mit eigener Budgetverwaltung in den Kommunen, wie sie in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingeführt wurde. Von da an bewährten sich die „grünen Ämter“ sehr und wurden gut siebzig
Jahre später trotz warnender Mahner wieder den Tiefbauämter unterstellt. Unsere Sicht auf die schleichende Verwahrlosung großer Teile öffentlichen Grüns entspringt einem professionellen Blick auf das Grün, mit den damit verbundenen Ansprüchen. Die Qualitäten,
die mit ursprünglichen Planungsabsichten verbunden waren, ihre mehr oder minder kompetenten und künstlerischen Inhalte, deren Verwirklichung und Pflegezustand bzw. deren sichtbarer Verfall bleiben dem Laien oft verborgen. So können viele Anlagen nahezu unbemerkt dem schleichenden Schwinden anheim gegeben werden, ohne dass es auffällt, da eine differenzierte Wahrnehmung für die unterschiedlichen grünen Qualitäten kaum vorhanden ist. Dieses Schwinden wollen die
Protagonisten der Stadtgärtnerei aufzeigen und ihm mit „Hand und Herz“ entgegenwirken

Zielbestimmung

Unser Ziel ist es, den öffentlichen Fokus auf vernachlässigte Perlen öffentlicher Freiraumkultur zu richten und das allgemeine Bewusstsein für den hohen Kulturwert des Stadtgrüns zu schulen. Insbesondere dem
gärtnerischen Laien soll die prekäre Situation des öffentlichen Grüns sichtbar und erfahrbar gemacht werden. Der in den Anlagen notwendige Handlungsbedarf wird von den Stadtgärtnern registriert und in die Hand genommen. Dies geschieht ausdrücklich
durch Einbindung der geforderten öffentlichen Institutionen (Naturschutz- und Grünflächenämter, Denkmalpflege). So wird das Thema auch auf das politische Ebene gehoben. Ziel des Diskurses sind „Lösungskonzepte“ für eine nachhaltige Pflege der Berliner Grünanlagen. Die Suche nach „Lösungen“
ist bewusst ergebnisoffen. Sie strebt einen langfristig tragfähigen, vielschichtigen und vielgestaltigen Konsens an. In positiver Weise soll gezeigt werden, welches Potential in den öffentlichen Gärten Berlins steckt und wozu gärtnerisch kompetente Arbeit fähig
ist. So werden verborgene oder beinahe verloren gegangene Gartenperlen gesichtet, betreut und poliert. Zugleich wird eine Lanze für den Wert kompetenter gärtnerischer Arbeit gebrochen. Ohne gut ausgebildete und bezahlte Gärtner, die wissen was sie tun und warum sie es tun, ist diese Kulturarbeit nicht zu leisten.

Potentiale

Im praktisch-gärtnerischen Tun unter Einbindung einer breiten grünen Basis
möchten wir alle Betroffenen für den hohen kulturellen Wert öffentlicher Gärten und grüner Freiräume sensibilisieren. Dazu ist es notwendig, handelnd und koordinierend einzugreifen, wo es nötig und öffentlich besonders wirksam ist. So werden die Projekte so ausgesucht, dass sie im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung stehen, um ein möglichst großes Publikum erreichen zu können. Die Entwicklung, Erhaltung und
Mehrung der materiellen und ideellen Wertigkeit von Gärten und Grünanlagen ist ohne qualifizierte Pflegerinnen nicht möglich. Wir möchten vor allem den Aspekt der kulturellen Mehrung durch achtsame Begleitung gegenüber den üblichen kostenintensiven Erneuerungen stärken. Besonders die ideellen Werte, die vor allem im Bereich von ästhetischen und iden-
titätsstiftenden Qualitäten zu verorten sind, finden wir nur in den Anlagen und Gärten, die in guter Pflege gereift sind. Das Zulassen eines würdevollen Alterns ist nicht zuletzt auch eine kulturelle Aufgabe, den Menschen für da eigene Vergehen zu sensibilisieren. In alten Gärten akkumulieren auch die ständigen
pflegenden Eingriffe verschiedener Gärtnerinnen und Generationen. Dies zieht ebenso die generationenüber-greifende Rezeption und Interpretation nach sich, was insbesondere von den aktuellen Betrachterinnen subtil als allgemeines Wertgefühl ästhetisch rezipiert und so als ein besonderer Wert an sich bewusst werden kann.

Politische Selbsteinordnung

In der Sitzung des Senats vom 19. Juli 2011 wurde die von der Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer „Strategie Stadtlandschaft Berlin – natürlich.urban.produktiv“ beschlossen. Dort werden drei Leitbildthemen formuliert:



Die Grünanlagensanierung wird in diesem Zusammenhang als ein Einzelaspekt eines umsetzungsorientierten
Maßnahmenkonzeptes genannt: „Öffentliche Grünanlagen sind fit zu machen für die Zukunftsaufgaben wie den Klimawandel, den demographischen Wandel und die vielfältigen Lebensansprüche der Stadtgesellschaft.
Einzelne gute Beispiele mit Vorbildcharakter und besonderen Innovationsgehalt sollen entwickelt werden.“
(Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt:
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/stadtforum/downloads/SF_Gruen_Ergebnispapier_Beirat.pdf, Zugriff: 18.02.2012)

Der Anspruch der Stadtgärtnerei Kulturgüter zu
erhalten und Kultur zu pflegen entspringt der poli
tischen Sorge um die schöne und soziale Stadt
(„Berlin genießen“ & „Berlin erleben“). Sie versteht sich ausdrücklich nicht als kulturalistischer Ansatz im Sinne einer Affirmation von Kultur. Kulturgüter und –techniken sollen vielmehr in Hinblick auf das
politische, demokratisch in Gesellschaft eingegliederte und aufgeklärte Subjekt mit ästhetischem und sozialemanzipatorischem Anspruch gepflegt, erhalten und weiterentwickelt werden („Berlin selber machen“). Neue Konventionen bezüglich der
besorgten Kulturgüter und -techniken sollen im
Diskurs als Möglichkeiten subjektiver Entfaltung
in der Gesellschaft angestrebt werden. Angesichts offenbar nicht mehr tragender Strukturen und Konventionen geht es dem Projekt der Stadtgärtnerei darum neue, gesellschaftlich im Rahmen geltenden
Rechts tragfähige Wege zu finden und zu beschreiten (dto.). In der verabschiedeten „Strategie Stadtlandschaft Berlin“ finden die Aktiven der Stadtgärtnerei eine willkommene Grundlage ihrer Arbeit. Sie finden sich darin gänzlich vertreten und verstehen sie als
politisch maßgebende Grundlage ihrer Arbeit. So kannder von Ansatz der Stadtgärtnerei sicher als politisch pragmatisch verstanden werden, denn er ist einer breiten Öffentlichkeit zugänglich, nachvollziehbar und wir hoffen aktiv vertretbar.

Strategie

Die Stadtgärtnerinnen suchen sich gezielt gut
abgrenzbare in der Pflege vernachlässigte Bereiche öffentlichen Grüns aus und greifen dort in Absprache mit den zuständigen Institutionen (Grünflächenamt, Denkmalamt etc.) ein. Wir nehmen die schleichende Verwahrlosung der gemeinen Grünflächen Berlins nicht kommentarlos hin und legen selber Hand an.
Allein durch Pflege und gezielte Eingriffe (wie auch Nachpflanzungen) werden diese Bereiche wieder aufgewertet. Hierdurch wird ein Prozess initiiert, der das öffentliche Bewusstsein für den hohen kulturellen Wert der zurückeroberten Freiräume schärft und den Fokus dauerhaft darauf richten lässt. Je nach Bedarf betreuen die Stadtgärtnerinnen die ausgesuchten Gärten für zwei bis drei Vegetationsperioden, um sie dann wieder in Wert gesetzt der öffentlichen Pflege
gänzlich zurück zu verantworten. Die Augen der Stadtgärtnerinnen werden gewiss wachsam bleiben. Die Arbeiten und Interventionen in den Gärten und Anlagen sollen von unterschiedlichen Medien begleitet werden, um einer breiten Öffentlichkeit die unterschiedlichen Potentiale aufzuzeigen, die in einer kontinuierlichen und qualitätsvollen Pflege enthalten sind, die von
verschiedenen Protagonisten getragen wird. Als Stein des Anstoßes hoffen wir darauf weitere Kreise zu ziehen. Wir hoffen aktive und passive Anteilnahme und Unterstützung für unsere Arbeit finden und politisch auf Lösungen des Pflegenotstandes im Grün Berlins drängen und hinwirken.




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